# Kapitel 20 Die Luft fühlte sich dick und schwühl an, obwohl die Klimaanlage auf voller Leistung lief. Elena saß vor ihren Monitoren, die Haut an ihren Schläfen leicht feucht. Sie hatte sich die Haare wieder zu einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden, eine Geste, die fast instinktiv erfolgt war, nachdem sie vor Stunden vom Board-Meeting zurückgekehrt war. Jedes Mal, wenn sie dieses Band festzog, schaltete sie einen Teil ihrer selbst aus – die sanfte Ehefrau, die Gastgeberin, die Frau, die in der warmen Atmosphäre des gemeinsamen Heims aufgegangen war. Was übrig blieb, war das Instrument, das sie in ihren Ausbildungsjahren geschmiedet hatte: analytisch, präzise und emotional abgeschirmt. Auf dem Laptop-Bildschirm flackerte die Verbindung zu Jax. Das Bild war leicht verzerrt, geprägt von den digitalen Artefakten der verschlüsselten Leitung, doch Jax' Präsenz war auch durch die Pixel hinweg erdrückend. Er trug eine matte, taktische Jacke, die an den Schultern breit und massiv wirkte. Sein Gesicht war im harten Licht der Mittagssonne tief gefurcht, die Augen zu schmalen, beobachtenden Schlitzen zusammengekniffen. „Wir sind in Position, Vance“, sagte er, und seine Stimme klang wie ein fernes Grollen, das durch die Kopfhörer vibrierte. Sie hatte überlegt, ob sie ihn bezüglich ihres Nachnamens korrigieren sollte, entschied sich aber dagegen. *Details*, dachte sie, *und momentan irrelevant*. Hinter ihm war das Chaos einer improvisierten Feldbasis zu sehen. Sie hatten sich hinter der Ecke eines grauen, schmucklosen Häuserblocks verschanzt, nur ein paar Dutzend Meter von dem Zielgebäude entfernt. Man sah Kabel, die über den staubigen Asphalt liefen, flache Kisten mit Equipment und das matte Glänzen von Waffen, die bereitgelegt worden waren. Der Hintergrund war ein blendendes, goldenes Licht – die Sonne stand im Zenit und brannte erbarmungslos auf das Hafenviertel nieder. „Was könnt ihr mir über das Ziel sagen?“, sagte Elena. Ihr Blick wanderte über die Karten auf dem großen Monitor, bevor sie wieder Jax' Gesicht fixierte. „Es ist ein alter Backtein-Komplex“, antwortete Jax. Er schwenkte die Kamera kurz um die Ecke, und Elena sah ein Gebäude aus dunklem, fast schwarzem Backstein, das wie ein monolithischer Klotz in der Umgebung stand. Die Fenster waren klein, hoch gelegen und mit schweren Metallläden verriegelt. „Die Lage ist suboptimal. Wir befinden uns in einem Labyrinth aus engen Straßen und verwinkelten Gassen. Wenn die Entführer eine vernünftige Überwachung haben, laufen wir hier direkt in eine Falle. Es gibt kaum Deckung, sobald wir die Häuserzeile verlassen.“ Elena spürte, wie sich ein leichter Druck in ihrer Brust ausbreitete. Die Architektur des Gebäudes wirkte abweisend, fast feindselig. „Haben sie Kameras? Sensoren?“ „Wir haben die Umgebung diskret abgesucht. Keine offensichtlichen optischen Sensoren an den Außenwänden“, sagte Jax und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Aber die Jammer machen das ohnehin problematisch. Sie ersticken fast jedes Signal auf den üblichen Kamera-Frequenzen, also auch ihre eigenen. Es sei denn sie haben gehärtete Militär-Hardware. Dann sind wir am Arsch.“ „Und die Eingänge?“, fragte Elena. „Minen? Druckplatten?“ Jax schüttelte den Kopf. „Es gibt nur zwei Zugänge: den Haupteingang und eine Lieferrampe an der Rückseite. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sie die vermint haben. Warum sollten sie die einzigen Wege blockieren, die sie selbst nutzen müssen, um zu essen oder Material zu bewegen? Sie setzen auf die natürliche Barriere der Gassen und auf die Überraschung. Sie gehen davon aus, dass niemand kommt, der präzise genug wäre, um hier an sie heranzukommen.“ Ein kurzes, trockenes Lächeln stahl sich auf Elenas Lippen. *Den Gegner zu unterschätzen ist der größte Fehler im Gefecht*, dachte sie. „Status der technischen Aufklärung?“, fragte sie. Im Hintergrund des Bildes trat ein Mann ins Sichtfeld. Es war Miller, der Techniker des Teams. Er war schmaler gebaut als Jax, mit einer nervösen Energie, die sich in seinen schnellen Handbewegungen äußerte. Er trug eine graue Cargo-Hose und ein eng anliegendes schwarze Funktionsshirt, das an den Armen leichte Schweißflecken aufwies. Seine Augen hinter einer schmalen, technischen Brille wirkten fokussiert. „Die Wärmebildkamera ist online!“, rief Miller. Seine Stimme war höher als die von Jax, getrieben von einer Mischung aus Stolz und Anspannung. „Ich schalte den Feed jetzt auf Ihren Laptop.“ Ein Moment später veränderte sich das Bild auf Elenas Bildschirm. Das normale Videobild verschwand und machte Platz für eine körnige, in Gelb-, Orange- und Purpurtönen gehaltene Ansicht des Backstein-Gebäudes. Doch das Bild war frustrierend unklar. Die Sonne hatte die Mauern und das Pflaster so stark aufgeheizt, dass das gesamte Gebäude in einem gleißenden, hellgelben Licht erstrahlte. Die thermischen Kontraste waren fast vollständig ausgelöscht. „Verdammt“, flüsterte Elena. Sie trat so nah an den Monitor, dass ihr Atem kleine Schleier auf dem Glas hinterließ. „Alles ist zu warm. Ich sehe nur Rauschen.“ „Die Hitze staut sich in den Backsteinen“, erklärte Miller über den Funk. „Wir bekommen nur undeutliche Bewegungen. Da sind Schatten, die sich verschieben – wahrscheinlich Wachen –, aber ich kann nicht einmal sagen, ob es drei oder zehn Personen sind. Die thermische Signatur der Umgebung verschmilzt mit der der Menschen.“ Elena zwang sich, ruhig zu atmen. Sie starrte auf das flimmernde Bild, suchte nach einer Anomalie, nach einem einzigen Punkt, der nicht ins Muster passte. Sie schloss die Augen für eine Sekunde, atmete tief ein und öffnete sie dann wieder, diesmal mit einem anderen Fokus. Sie suchte nicht nach den hellen Stellen, sondern nach den dunklen. Ihr Blick glitt an der Basis des Gebäudes entlang, tiefer, unter die Ebene des Erdgeschosses. Dort, in einer Ecke des Bildes, wo der Schatten eines massiven Mauervorsprungs auf dem Boden lag, bemerkte sie etwas. Ein kleiner, dunkler Bereich, der nicht ganz schwarz war, sondern eine schwache, pulsierende Wärme ausstrahlte. „Warte“, sagte sie, und ihre Stimme war jetzt ein Flüstern. „Miller, zoom auf den unteren linken Quadranten. Unterhalb der Lieferrampe. Da ist ein Raum.“ Miller tippte eilig auf seinem Gerät. Das Bild ruckelte, zoomte heran und wurde pixeliger, doch die Signatur blieb sichtbar. Es war ein kleiner, rechteckiger Raum im Keller, fast vollständig vom Erdreich umschlossen. In der Mitte dieses Raumes befand sich eine einzige, kaum erkennbare Wärmesignatur. Sie war schwach, fast verblasst, und bewegte sich kaum. „Das ist er“, sagte Elena, und ein stechender Schmerz der Erleichterung und Angst zugleich durchfuhr sie. „Das muss Julian sein. Sie halten ihn im Keller gefangen.“ Sie betrachtete das Bild genauer. Da war eine seltsame, kaum sichtbare Linie, die den Raum mit der Oberfläche verband. Elena blinzelte. Da waren noch mehr. Kleine, schmale Strukturen, die wie Adern durch das Mauerwerk nach oben führten. „Lüftungsrohre“, analysierte sie. „Sehr schmale Rohre. Wahrscheinlich alte Entlüftungsschächte für die Heizung oder einfach um den Keller zu belüften. Aber sie sind viel zu klein. Man könnte nicht einmal einen Arm hineinstecken.“ Es entstand eine kurze Stille. Man konnte Jax im Hintergrund hören, wie er einen kurzen Befehl an seine Leute gab. „Wenn wir nicht rein können, können wir vielleicht trotzdem rein hören“, sagte Miller plötzlich. Er klang jetzt aufgeregt. „Elena, wir haben diese winzigen Funk-Ohrstöpsel, die wir für die Infiltration nutzen. Die sind kaum größer als ein Kieselstein. Wenn wir einen stabilen Draht nehmen – eine Art Führungsschiene aus flexiblem Federstahl – könnten wir den Stöpsel durch eines dieser Rohre schieben.“ Elena hielt den Atem an. Die Idee war simpel, riskant und elegant. „Wie tief gehen die Rohre?“ „Tief genug, um die Kellerdecke zu erreichen. Wenn wir den Draht präzise steuern, könnten wir den Ohrstöpsel direkt in seine Nähe bringen. Er müsste ihn nur finden und ins Ohr stecken. Dann hätten wir eine direkte Kommunikationsleitung, ohne dass wir das Gebäude blind stürmen müssen.“ Elena spürte, wie ein elektrisches Kribbeln durch ihre Fingerspitzen lief. Es war die Aufregung der Jagd, die Gewissheit, dass sie gerade ein Stück weit die Kontrolle über die Situation zurückgewonnen hatte. Sie sah Jax an, dessen Gesicht im Monitor nun einen Ausdruck von professioneller Anerkennung zeigte. „Das ist es“, sagte Elena, und ihre Stimme war jetzt wieder fest und voller Entschlossenheit. „Das ist unser Weg hinein. Miller, bereite den Draht vor. Commander, sichern Sie die Position. Wir bringen Julian seine Stimme zurück.“