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Raw Blame History

Kapitel 21

Im Raum herrschte Stille. Er war angefüllt von stickiger, staubiger Luft, die nach feuchtem Beton, altem Eisen und dem beißenden Geruch von ungewaschenem Körper und getrocknetem Blut schmeckte.

Julian saß auf dem kalten Boden, den Rücken gegen die raue Oberfläche einer Backsteinwand gepresst. Die Steine waren klamm und an einigen Stellen bröckelten sie ab, wobei kleine, graue Fragmente in seinen Nacken rieselten. Er spürte jedes einzelne Korn. Seine Haare waren ein zerzaustes Nest aus schwarzen Strähnen, die in seinem Nacken klebten. Über seiner rechten Braue pochte der Schmerz einer Wunde, die erst vor kurzem aufgehört hatte zu bluten. Das Blut war nun zu einer dunklen, harten Kruste geronnen, die seine Lidfalte teilweise verklebte. Jedes Mal, wenn er blinzelte, spürte er den Zug des vertrockneten Blutes auf seiner Haut.

Sein weißes Hemd war kaum noch als solches zu erkennen. Es war grau vom Staub des Bodens, an den Ellenbogen und am Saum zerfetzt. Dunkle, verwaschenen Blutflecken zeichneten sich auf dem Stoff ab einige von ihm, andere vermutlich von dem kurzen, gewaltsamen Kampf, bevor die Dunkelheit ihn verschlungen hatte. Seine Hose war ebenso verschmutzt, die Knie durch das ständige Auf- und Absetzen auf dem dreckigen Boden grau gefärbt. Er war barfuß. Die Kälte des Zements zog durch seine Fußsohlen bis in die Knochen, und ein leichter Zittern lief durch seine Beine, den er nicht unterdrücken konnte.

Er schloss die Augen und versuchte, die Zeit einzuschätzen. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, doch sein Verstand sagte ihm, dass er kaum mehr als einen Tag hier festsaß. Sein Mund war so trocken, dass seine Zunge wie ein Stück Leder an seinem Gaumen klebte. Er hatte weder einen Tropfen Wasser noch ein Stück Brot erhalten. Die Entführer hatten kein Interesse an seinem Wohlergehen, zumindest nicht in einem Sinne, der über die reine Funktion als Verhandlungschip hinausging.

„Du wirst freigelassen, wenn deine Firma das Lösegeld bezahlt hat“, hatten sie gesagt.

Julian verzog die Lippen zu einem schmerzhaften, trockenen Lächeln. Das war eine Lüge. Eine plumpe, einfach zu durchschauende Lüge. Er war ein Mann der Zahlen, der Muster und der strategischen Wahrscheinlichkeiten. Dass eine Entführung dieses Ausmaßes ausgerechnet jetzt rein aus finanzieller Gier geschah, wäre ein Zufall von galaktischen Proportionen. Das Timing dieses Überfalls schrie nach einem anderen Motiv.

Der Börsengang. Der IPO von Argentum Global.

Er erinnerte sich an Elenas Rat. Sie hatte ihn gewarnt, die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen. Er hatte ihr zugehört, hatte zusätzliche Fahrer engagiert und die Überwachung verschärft. Aber ein bewaffneter Überfall auf offener Straße, ein koordinierter Schlag, bei dem die Aggressoren die Initiative so absolut besaßen, das war etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Er hatte ihnen nichts entgegenzusetzen gehabt.

Man hatte ihm seine Armbanduhr genommen eine mechanische Chronometrie, die er mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit trug. Jetzt war er blind für die Zeit. Er wusste nicht, wie viele Stunden er noch hatte, bevor der geplante Termin des Börsengangs anstand. Ohne seine Unterschrift, ohne seine Präsenz als CEO, würde der IPO nicht stattfinden können.

Vielleicht war genau das der Plan?, sinnierte er.

Ein Konkurrent. Jemand, der so tief in den Abgrund des Hasses oder der Habgier gefallen war, dass er bereit war, einen Menschen zu entführen, um ein Geschäft zu verhindern. Aber wer? Er hatte keine Idee.

Das einzige Licht im Raum kam von einer einzigen, nackten Glühbirne, die an einem Kabel von der Decke hing und ein schwaches, gelbliches Licht warf, das lange, tanzende Schatten an die Wände warf. Der einzige Ausgang war die schwere Holztreppe, die steil nach oben führte und an einer massiven, verbarrikadierten Tür endete. Er konnte die schweren Balken hinter dem Holz fast spüren, ein unüberwindbares Hindernis aus Eiche und Eisen.

Er seufzte, und das Geräusch klang in der Stille des Kellers wie ein Schrei. Er legte den Kopf zurück an die Wand und starrte die rissige Decke an.

Plötzlich hörte er es.

Es war ein kaum wahrnehmbares Geräusch. Ein leises, rhythmisches Schaben, wie Metall auf Stein. Julian hielt den Atem an. Sein Herz begann schneller zu schlagen, ein heftiges Pochen in seinen Schläfen, das mit dem Schmerz seiner aufplatzten Braue harmonierte. Er starrte nach oben.

Die Wände des Kellers waren nicht glatt; sie waren von kleinen Löchern gesäumt, dei am oberen Rand der Decke entlangliefen alte Lüftungsschächte oder Überreste einer früheren Installation. Aus einem dieser Löcher rieselte plötzlich etwas herunter. Erst nur ein paar Körnchen Staub, dann eine kleine Wolke aus grauem Dreck und Kalk, die in dem schwachen Licht der Glühbirne tanzte.

Julian richtete sich mühsam auf. Seine Muskeln protestierten, ein stechender Schmerz schoss durch seine Schulter, als er sich vom Boden aufrichtete. Er trat auf die Stelle zu, an der der Staub herabgefallen war, seine nackten Füße klammerten sich an den kalten Beton.

Gerade als er den Kopf in den Nacken legte, um in die dunkle Öffnung zu spähen, fiel ein kleiner, glänzender Gegenstand herab. Er landete mit einem leisen Plong direkt vor seinen Füßen.

Es war ein winziger, schwarzer Kunststoffkörper, kaum größer als ein Fingernagel. Ein Ohrstöpsel.

Julian starrte das Ding an. Sein erster Instinkt war Skepsis. War das eine Falle? Ein Überwachungsinstrument der Entführer? Doch die Art und Weise, wie es herabgefallen war sprach eine andere Sprache. Es war eine Botschaft. Ein Signal.

Zögerlich, mit zitternden Fingern, hob er den Stöpsel auf und steckte ihn sich ins Ohr. Es passte perfekt, schloss die Welt der Stille für einen Moment aus.

„Hallo?“, flüsterte er. Seine Stimme klang heiser, fast fremd in seinen eigenen Ohren, als wäre sie durch den Staub der letzten Stunden gefiltert worden.

Eine Sekunde verging. Dann, wie ein plötzlicher Blitz aus Licht in der Dunkelheit, erklang eine Stimme.

„Julian!“

Elenas Stimme. Sie klang aufgeregt, fast atemlos, aber in ihrer Stimme lag eine Wärme und eine Erleichterung, die Julian einen Kloß im Hals aufsteigen ließ. In diesem Moment schien die Kälte des Kellers zu weichen, und für einen kurzen Augenblick war er nicht mehr der Gefangene in einem Loch aus Backstein, sondern wieder der Mann, der eine Frau an seiner Seite hatte, die ihn niemals im Stich lassen würde.

„Elena“, erwiderte er, und ein echtes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, trotz der schmerzenden Wunde an der Braue. „Gott, es ist schön, deine Stimme zu hören.“

„Ich bin so froh, dass du mich hören kannst“, antwortete sie. Ihr Tonfall wechselte schnell, die Wärme blieb, aber eine professionelle Schärfe trat in ihre Stimme. „Hör mir gut zu. Wir haben dich lokalisiert. Draußen wartet bereits ein Einsatzteam, um dich da rauszuholen. Sie sind in Position.“

Julian stieß ein kurzes, heiseres Lachen aus. Er lehnte sich wieder gegen die Wand, doch diesmal war es kein Zeichen der Niedergeschlagenheit, sondern der Amüsement. „Warum bin ich nicht überrascht? Nichts anderes habe ich von dir erwartet.“

„Schön, dass dein Optimismus noch intakt ist“, erwiderte Elena trocken. „Aber evor es losgehen kann brauchen wir ein paar Informationen. Wie viele Entführer sind es? Wie sind sie bewaffnet? Was kannst du uns über sie sagen?“

Julian wurde ernst. Er schloss die Augen und rief sich die Gesichter der Männer in Erinnerung. „Vier. Sie nennen sich gegenseitig bei Codenamen, Alpha, Beta, Gamma und Delta. Alpha ist der Anführer. Er hat eine militärische Ausbildung, das sieht man in seinen Bewegungen und in der Art, wie er Befehle gibt. Der Rest... nun ja, sie scheinen nur angeheuerte Möchtegern-Söldner zu sein. Viel Arroganz, wenig Substanz.“

Er spürte ein kurzes Aufwallen von Stolz, als er an den Moment des Überfalls dachte. „Als sie mich überfallen haben, konnte ich zwei von ihnen niederschlagen. Ich glaube, ich habe Beta ziemlich hart getroffen. Aber dann kam Alpha. Er hat mich mit einem Schlag KO geschlagen. Danach war es dunkel.“

„Und die Waffen?“, fragte Elena.

„Ich bin mir nicht ganz sicher. Das ist kein Gebiet auf dem ich mich auskenne“, sagte Julian. „Aber es waren keine einfachen Pistolen. Es sahen aus wie Schnellfeuergewehre. Kurze Läufe, große Magazine.“

„Verstanden. Das klingt nach Maschinenpistolen.“ Im Hintergrund waren kurz ein paar Stimmen zu hören, vermutlich gab Elena die Information weiter. Dann kehrte ihre Stimme zurück. „Hast du irgendwelche Verletzungen, von denen wir wissen müssen?“

Julian sah an seinem zerrissenen Hemd herunter. „Ein paar blaue Flecken, eine aufgeplatzte Braue. Und sie haben mir meine Schuhe genommen, damit ich nicht weglaufen kann.“ Er grinste, obwohl seine Stimme zitterte. „Eigentlich ein strategischer Fehler. Ich kann immer noch laufen. Sie hätten mir besser die Schnürsenkel zusammenbinden sollen.“

Er konnte Elenas kurzes, ammüsiertes Schnauben in seinem Ohr hören. Es war ein vertrautes Geräusch, ein kleiner Anker der Normalität in diesem Albtraum.

„Julian, hör mir genau zu“, sagte sie nun mit einer Intensität, die keinen Widerspruch duldete. „Wir machen uns jetzt bereit für den Angriff. Das Team wird die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Kannst du dich irgendwo verstecken, bis die Sache vorbei ist? Gibt es einen Schrank, eine Kiste, irgendetwas?“

Julian blickte sich in dem leeren, kargen Raum um. Die nackten Backsteinwände boten keinerlei Schutz. Die einzige Struktur war die Treppe. „Nein. Es gibt hier absolut nichts zum Verstecken. Und die Tür ist von außen verschlossen und verbarrikadiert. Ich bin eine leichte Zielscheibe, wenn jemand reinkommt.“

„Okay“, sagte Elena, und Julian konnte förmlich hören, wie sie die taktischen Optionen in ihrem Kopf durchging. „Dann machen wir es so: Stell dich unten neben die Treppe. Bleib im Schatten der Wand. Sobald jemand die Treppe hinunterkommt, greifst du sofort an. Nutze das Überraschungsmoment. Wir werden die Wachen so schnell wie möglich neutralisieren, aber du musst deine Position halten, bis ich Entwarnung gebe.“

„Verstanden“, antwortete Julian wärgend er zur Treppe ging. Er spürte, wie das Adrenalin langsam durch seine Adern floss und die Kälte vertrieb. Die Angst war nicht verschwunden, aber sie war einer fokussierten Entschlossenheit gewichen. „Ich bin bereit.“

„Gut. Ich halte dich auf dem Laufenden. Das Team geht jetzt in Position.“

Die Verbindung blieb offen, aber Julian hörte im Hintergrund, wie Elena kurze, präzise Anweisungen an jemanden übermittelte.

Dann wurde es wieder still, doch es war nicht mehr die erdrückende Stille von vor ein paar Minuten. Es war die Stille vor dem Sturm.

Julian stellte sich an die Fuß der Holztreppe, drückte seinen Rücken gegen die kalten Steine und wartete. Er sah nach oben, zu der verbarrikadierten Tür, und spürte, wie seine Finger sich in die raue Wand krallten. Er würde Elena nicht enttäuschen.